„Den Gedanken, dass mein Baby sterben könnte, habe ich nicht zugelassen“

Interview

Die Ärzte hatten  die Hoffnung schon aufgegeben. Während der Nottaufe geschah dann ein Wunder

Sabrina und ihr Mann Stefan haben bereits eine einjährige Tochter, als sie 2015 ihr zweites Kind Tim erwarten. Bei der Frühdiagnostik dann die schlechten Nachrichten, dass ihr Baby nicht gesund ist. Kurz nach der Geburt machen die Eltern die schlimmsten Stunden ihres Lebens durch. Während der Nottaufe geschah dann das Wunder.

Was passiert ist und wie sich eine Mutter fühlt, deren Kind fast gestorben wäre, erfährst du in diesem sehr persönlichen Interview von Sabrina. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Frau, dass Sie den Mut hat, ihre Geschichte zu erzählen. Das Gespräch mit ihr hat mich als zweifache Mama sehr berührt.


Interview mit Sabrina B. (35 Jahre)

Sabrina, als ich dich gefragt habe, ob du bereit wärst ein Interview über deine Geschichte mit deinem Sohn Tim auf meinem Blog zu  veröffentlichen, hast du nicht lange gezögert und ja gesagt. Warum?

Ich habe schon seit längerem den Wunsch meine Geschichte mit anderen zu teilen um ihnen Mut zu machen. Tim ist 2015 geboren. Es sind jetzt drei Jahre vergangen. Als du mich angesprochen hast, war es genau der richtige  Zeitpunkt. Ich hoffe, dass ich zum einen Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind oder waren, mit meinen Gedanken und Entscheidungen Mut machen kann. Zum anderen ist es mir ein Anliegen, die Scheu davor zu nehmen, mich oder andere Betroffene konkret anzusprechen.

Wann hast du erfahren, dass etwas mit dem Baby nicht in Ordnung ist?

Wir waren zum Termin der Frühdiagnostik. Bei der Untersuchung war das Ergebnis auffällig. Die Nieren waren noch nicht sichtbar und daraufhin sollte ich zu engmaschigen Folgeuntersuchungen kommen. Einmal die Woche war ich beim Gynäkologen zur Kontrolle. Ich glaube in der 17. KW konnte man die Nieren endlich sehen, allerdings waren diese und die Blase gestaut. Es lag der Verdacht nahe, dass in der Harnröhre Harnklappen sitzen, die zum Urinstau führten. Also war dementsprechend auch wenig Fruchtwasser da. Das wurde daraufhin  alle zwei Wochen kontrolliert.

In der 20. SSW hat meine Gynäkologin mir mitgeteilt, dass die Nieren so stark gestaut sind, dass wir akut in Münster vorstellig werden sollten. Ich weiß noch genau, dass es ein Mittwoch war, als sie mir das sagte. Ich habe mich sofort um einen Termin in Münster gekümmert. Am Freitag hat mich meine Frauenärztin sogar persönlich angerufen, ob ich einen Termin hätte. Ich habe ihr gesagt, dass ich am Montag vorstellig werde in Münster und dass schon alles gut wird.  „Gut, dass Sie daran glauben.“, sagte meine Ärztin zu mir am Telefon. Das hat mir irgendwie Angst gemacht, weil sie daran zu zweifeln schien. Ab dem Zeitpunkt wusste ich, es ist sehr ernst.

Tim ist ein aufgeweckter Junge
Tim ist ein total fröhlicher Junge – heute sieht man ihm  auf den ersten Blick nicht an, was er alles in den ersten drei Lebensjahren mitgemacht hat.

Wie ging es in Münster weiter?

Während sie in der Uniklinik den Ultraschall machten, waren alle still. Ich habe auch nichts gesagt. Ich war total beunruhigt. Die Oberärztin fragte mich am Ende, was denn meine Gynäkologin zuletzt im Ultraschall gesehen hätte. Ich sagte ihr, dass die Nieren gestaut seien. Daraufhin hat sie mir gesagt, dass sie selbst das nicht mehr erkennt, sondern dass Nieren und Blase bereits kollabiert sind. Das muss dann in der Zeit von Mittwoch bis Montag passiert sein. Der ganze Urin war bei Tim im Bauchraum. Blase und Niere konnten nichts mehr halten und waren leer.

Für die Uniklinik war diese Situation neu. Sie hatten nicht sofort einen Fahrplan für das weitere Vorgehen. Die Ärztin musste sich intern mit ihren Kollegen zusammensetzen und auch mit anderen Kliniken in Kontakt treten. Ich konnte erstmal wieder nach Hause gehen.

Du durftest dann nach Hause? Das muss ja total schrecklich sein, mit dieser Diagnose zu Hause zu sitzen.

Ja, das war echt nicht einfach. Aber ich war so geschockt, dass ich das gar nicht an mich ranlassen konnte. Ich habe nicht geweint. Alle haben sich gewundert, dass ich so stark war. Aber ganz tief in mir drin wusste ich, dass wir das schaffen werden. Ich weiß nicht, woher das kam. An aufgeben habe ich nie gedacht.

War dir denn klar, dass es jetzt um Leben und Tod ging?

Ja, das war mir klar, aber Tod stand für mich überhaupt nicht im Raum. Das kam gar nicht bei mir an.

Bestand für dich eine Gefahr als Schwangere?

Nein, zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Hat irgendjemand von euch oder die Ärzte das Wort „Abtreibung“ in den Mund genommen?

Nein. Das war zu keinen Zeitpunkt ein Thema.

Für mich war das alles einfach  heftig, weil ich nicht wusste, was jetzt als nächstes passieren wird. Noch schlimmer war es, dass selbst die Ärzte nicht wussten, was getan werden muss.

Ich bekam Spritzen für die Lungenreife, damit bei einer möglichen Frühgeburt die Lungen fähig sind zu atmen. Beim nächsten Termin in Münster waren dann alle zuständigen Oberärzte beim Gespräch dabei. Es gab verschiedene Methoden, die wir hätten anwenden können um das Baby im Bauch weiter stabil zu halten. Diese haben sie uns vorgestellt, immer mit dem deutlichen Hinweis, dass ein Risiko besteht das Baby zu verlieren. Es gab einfach kein richtig oder falsch.

Wer hat am Ende entschieden, was getan wird?

Das haben meine Mann Stefan und ich zusammen entschieden. Ich musste alle drei Tage nach Münster (das waren immer 80 km je Strecke) zum Ultraschall. Der Bauch von Tim ist mit seinem eigenen Urin immer mehr voll gelaufen. Solange aber die Werte des Babys ok waren, wurde nichts unternommen. Wir hatten uns dazu entschieden, dass wir eine Punktion vornehmen lassen, sobald die Werte schlechter werden. In der 27. SSW war es dann soweit. Ich war morgens beim Ultraschall und am selben Tag wurde nachmittags die erste Punktion vorgenommen.

Warst du unter Vollnarkose?

Nein. Das war für alle in der Uni-Klinik das erste Mal. Und dadurch, dass die Ärzte von anderen Kliniken wussten, dass die Punktion schief gehen kann, standen nebenan schon die Kollegen bereit für einen Notkaiserschnitt. Sie durften ihm nicht die komplette Flüssigkeit auf einmal aus dem Bauch entnehmen, weil sonst die Gefahr bestand, dass Tim kollabiert. Aber es ist alles gut gegangen.

Das heißt, die sind mit einer Nadel durch deinen Bauch in Tims Bauch vorgedrungen?

Ja, es war eine lange Fruchtwassernadel. Ich habe alles gesehen. Ich musste ja mitmachen und mich entsprechend in die richtige Richtung drehen, damit sie an das Wasser in Tims Bauch kamen. Das war sehr unangenehm. Vor allen Dingen musste ja auch das Baby mitmachen. Die waren schließlich mit einer Nadel in seinem Bauch und hätten seine Organe verletzen können.

Ab dem Zeitpunkt bin ich dann in Münster geblieben. Und ich musste alle paar Wochen punktiert werden. In der 35. SSW waren die Werte von Tim dann so schlecht, dass sie ihn sofort holen wollten. Allerdings war sein Bauchumfang durch den Urin, der nicht ablief, mit 50 cm so groß, dass sie mich für einen Kaiserschnitt komplett hätten öffnen müssen. Sie waren sich nicht sicher, ob sie noch einmal punktieren können um den Bauchumfang zu reduzieren. Aber sie haben es schließlich doch noch einmal gewagt und im Anschluss Tim mit einem normalen Kaiserschnitt geholt. Leider hat Stefan es nicht mehr rechtzeitig in den Kreißsaal geschafft. Es ging alles so schnell.

Was passierte dann mit Tim?

Er wurde sofort auf die Intensivstation gebracht und intubiert. Er hat nicht alleine geatmet.

Wir waren erstmal voneinander getrennt. Sie haben mich abends einmal zu ihm auf die Intensivstation gebracht, damit ich ihn sehen konnte. Es folgten viele Untersuchungen. Es war aber von den Nieren her nicht lebensbedrohlich. Er bekam einen Katheder, damit der Urin weiter abfließen konnte.

Um halb fünf morgens war Alarm. Die Schwestern brachten mich sofort im Rollstuhl zu Tim. Er ließ sich nicht mehr beatmen und es ging um sein Leben. Stefan ist auch sofort gekommen. Es war furchtbar. Große laute Geräte waren um unser Kind und sie haben uns gesagt, dass er es nicht schaffen wird. Ich durfte Tim dann am Fuß streicheln. Das war die einzige Berührung zwischen ihm und mir.

Unsere einzige Berührung während der Nottaufe
„Nur den Fuß konnte ich während der Nottaufe berühren (Foto pixabay)

Uns wurde eine Nottaufe angeboten. Der Pastor kam umgehend und führte die Taufe durch. Ich habe gemerkt, dass während der Nottaufe etwas anders war. Und tatsächlich haben uns die Ärzte im Anschluss mitgeteilt, dass Tim sich wieder beatmen lässt. Allerdings wäre er so lange ohne Sauerstoff gewesen, dass sie nicht ausschließen konnten, dass Schäden zurückgeblieben seien. Es sei ziemlich wahrscheinlich, dass er  schwerstbehindert sein würde.

Wir sollten entscheiden, ob die Maschinen dran bleiben oder ausgeschaltet werden. Mein Mann und ich  saßen  alleine im Raum und sollten eine Entscheidung treffen über Leben und Tod unseres Babys. Aber wir konnten nicht. Also ist Stefan nochmal zu den Ärzten gegangen und kam mit einer unerwarteten Botschaft wieder. Denn die Ärzte hatten sich entschieden, weiterzumachen.

Wieso? Was ist passiert?

Sie haben sich jede Sekunde von Tim angeschaut, weil sie sich nicht erklären konnten, was der Grund dafür war, dass er sich solange nicht beatmen ließ. Dabei haben sie festgestellt, dass er zu jederzeit genug Sauerstoff hatte. Es war der pH-Wert im Blut, der so schlecht war, dass es zu dem Notfall kam. Das ist zwar auch schlimm und kann Behinderungen nach sich ziehen, aber es ist nicht so dramatisch, wie ein Sauerstoffmangel. Für sie stand fest, dass es für Tim weitergeht.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich weder bei der Nottaufe noch in den Minuten der Entscheidung jemals meinen Sohn aufgegeben habe. Für mich stand fest, dass er leben wird.

Jetzt ist Tim 3 Jahre alt. Was ist alles in der Zeit passiert?

Er musste mehrmals operiert werden. Unter anderem bekam er Ausgänge in Nierenhöhe um die Nieren zu entlasten und eine Magensonde. Beide Hüften mussten operiert werden. Denn durch die große Blase konnten sich die Hüften nicht entwickeln. Er hat dreieinhalb Monate mit einer Gipsschale verbracht.

Es waren sehr viele OP´s und viel Arbeit. Aber es hat sich alles gelohnt. Heute kann er laufen, ist kognitiv fit und die Aussichten ein ganz normales Leben zu führen stehen sehr gut. Äußerlich sieht man ihm heute nichts mehr an.

Viel Zeit geht auch drauf für den ganzen Schriftkram und Gänge zu Krankenkassen und anderen Ämtern um Unterstützung zu bekommen. Das kostet uns viele Nerven. Es kommt keiner auf dich zu und bietet dir Unterstützung an.

Was ist dir noch wichtig anderen Betroffenen zu erzählen aus der Zeit nach der Geburt?

Ich war total überfordert. Ich habe mich von allen abgeschottet. Selbst meine beste Freundin konnte und wollte ich nicht sehen. Ich habe ganz zu Anfang mein Kind abgelehnt. Als wir zuhause waren, wurde es mir zuviel. Ich wollte ihn nicht mehr. Manchmal musste ich einfach sein Zimmer verlassen und bin weinend vor seiner Tür zusammengebrochen. Warum wir habe ich mich gefragt? Warum ist das ausgerechnet uns passiert? Uns wurde eine sehr liebe Pflegehelferin für Timmy an die Seite gestellt. Frieda hat mich dann wieder auf den Boden der Tatsachen geholt und gesagt „Stop! Wäre es dir lieber, das wäre anderen passiert? Wünscht du wirklich anderen Menschen diese Situation? Du musst das Leben wie ein Brot betrachten. Du wirst Scheibe für Scheibe nehmen und nicht mehr das Ganze sehen.“ – Frieda hat mich immer wieder ermutigt weiterzumachen.

Aus der anfänglichen Ablehnung ist dann aber eine extrem große Liebe gewachsen. Ich habe großen Respekt vor meinem Sohn. 

 Was hat sich an deiner Lebenseinstellung geändert nach diesem Erlebnis?

Diese schwere Zeit hätte ich niemals alleine durchgestanden. Mein Mann war unglaublich stark in dieser Zeit und für mich sehr wichtig. Uns verbindet eine grenzenlose Liebe.

Außerdem sind mir meine Freunde noch viel wichtiger geworden. Wir haben so tolle Freunde. Sie haben uns immer zur Seite gestanden und Normalität in unseren Alltag gebracht. Tim ist für sie selbstverständlich, sie haben keine Berührungsängste und gehen normal mit ihm um. Auch meine beste Freundin hat es mir zum Glück nie übel genommen, dass ich sie am Anfang nicht sehen wollte. Sie ist einfach für mich da.

Ich musste lernen, plötzlich Hilfe anzunehmen und über meinen eigenen Schatten zu springen. Da legt jemand anderes deine Unterhosen zusammen. Das war schwierig und ungewohnt für mich. Aber nur so konnte ich Ruhephasen für mich finden.

Ich weiß das Leben viel mehr zu schätzen. Mir ist noch stärker bewusst, wie schnell der Lebensweg durch Krankheit zerstört werden kann. Außerdem habe ich seitdem eine andere Körperwahrnehmung. Ich achte mehr auf mich und gehe besser mit mir um. Ich bin dankbarer geworden für die Dinge in meinem Leben. Und mir sind materielle Dinge nicht mehr so wichtig wie früher.

Eines noch zum Pastor, der die Nottaufe durchgemacht hat. Wir haben heute noch Kontakt zu ihm. Tim war seine erste Nottaufe und sein Namensvetter. Denn der Pastor heißt auch Tim. Wir haben mit ihm und unserer Gemeinde nach der ganzen Zeit im Krankenhaus einen „normalen“  Taufgottesdienst in unserer Heimat gefeiert. Diese Taufe ist für mich ein Abschluss der ganzen Krankenhausgeschichte. Seitdem kann ich loslassen. Es ist jetzt ein neuer Lebensabschnitt. Was gewesen ist, ist gewesen. Ich lebe in der Gegenwart.

Danke Sabrina für deine persönliche Geschichte, die mich sehr berührt. Vielleicht fühlen sich andere angesprochen und ermutigt mit dieser Geschichte.

 „Timmy ist mein Wunder“
Sabrina, 35 Jahre

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Wenn du Fragen an Sabrina hast, dann schreib mir gerne eine Nachricht. Ich werde es weiterleiten.

Verfasst von

Leidenschaftliche Bloggerin, Texterin und interessiert an Online-Marketing mit Schwerpunkt Content und Storytelling. Auf meinem Blog Mamacheck.de veröffentliche ich spannende Geschichten über starke Frauen.

2 Kommentare zu „„Den Gedanken, dass mein Baby sterben könnte, habe ich nicht zugelassen“

  1. Hallo mein Name ist Gülcan . Habe einen 4 jährigen schwerkranken Sohn er hat sehr viel mitgemacht ist in Münster in Behandlung musste vor meinen Augen reanimiert werden . Ein Leben in Angst es wird leider immer so bleiben . Habe so viel was ich gerne erzählen würde . Lg Gülcan

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